ATELIER KAREN LAKAR
Karin Müller-Wohlfahrt


KAREN LAKAR

Nach dem Studium des Modedesigns an der Berliner Akademie der Künste und dem Studium des Theater-Kostümdesigns arbeitete Karen Lakar als Designerin, bevor sie Mitte der 90er Jahre entschied, sich gänzlich der Kunst zu widmen. Sie lebt als freischaffende Künstlerin in München, Berlin und Frankreich. Ihr Werk wurde in mehr als 20 Ausstellungen in Deutschland, der Schweiz, Pakistan und den Vereinigten Arabischen Emiraten präsentiert.

 

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Das Irdische und das Überirdische, das Körperliche und das Geistige, das Innere und das Äußere – Karen Lakar vereint vermeintliche Gegensätze und thematisiert Transformationsprozesse. In ihren Arbeiten gibt es keine Eindeutigkeiten, vielmehr lösen sich in ihnen Polaritäten auf und verweisen auf ein größeres Ganzes.

Interface nennt die Künstlerin eines ihrer Werke und bezieht sich damit auf die Mittlerfunktion des kopfartigen Gebildes, das zwei Welten verbindet. Und genau das tut Karen Lakar auch: Sie vermittelt zwischen Welten, zwischen Zeiten, zwischen Daseinszuständen und erhebt die unablässige Veränderung zum Gegenstand ihrer Kunst. Nicht von ungefähr tauchen in ihren Arbeiten immer wieder Chimären, Gottheiten und übersinnliche Wesen auf, die sich keiner Daseinsform eindeutig zuordnen lassen. Prominentester Vertreter ihres motivischen Kosmos’ ist der Engel, der als Mittler zwischen dem Göttlichen und dem Irdischen einen festen Platz in der Kunstgeschichte hat. Aber Karen Lakar zeigt die geflügelten Gestalten nicht zwangsläufig als sanfte Wesen, sondern legt eine ihnen innewohnende Ambivalenz offen. Sie begegnen uns als gefallene Engel und tragen manchmal fast dämonische Züge.

Ihre Arbeit wings off zeigt den Verlust des wesentlichen Attributs des Engels. Den rechten Arm nach oben gestreckt, als wolle sie nach ihrem Flügel greifen, scheint die Gestalt zu taumeln und im Begriff zu sein, zu stürzen. Die Verwandlung von einem himmlischen Wesen in ein irdisches ist bereits vollzogen.

Mit ausgebreiteten Schwingen schreitet in Angry Horus der Gott aus der ägyptischen Mythologie dahin. Die breiten schwarzen Pinselstriche verleihen ihm etwas Unheimliches. Leuchtendes Blau akzentuiert die grau-schwarze Farbgebung. Schon der Titel verweist auf die Gemütslage des Gottes und impliziert die von ihm ausgehende Bedrohung. Sein Zorn scheint sich im Bild Entering Dryland zu entladen und Energie freizusetzen. Der Farbklang wird hier wieder aufgegriffen, doch ist jegliches Figurative getilgt, das Gegenständliche hat sich aufgelöst in der Abstraktion. Fast ist man geneigt, das schwarze Gebilde mit dem komprimierten Körper Horus’ gleichzusetzen. An die Stelle des geflügelten Wesens ist wirbelnde Dynamik getreten.

 

Neben dem Engel taucht ein weiteres fliegendes Wesen im Oeuvre Karen Lakars auf: der Schmetterling. Auch er ist Symbol für eine Metamorphose. In der Arbeit Butt umrahmen zahlreiche dieser Insekten den Kopf eines Fisches. Die zurückgenommene Farbigkeit und die filigrane Ausarbeitung betonen die Zartheit dieser Arbeit. Der Fischkopf, der Butt, begegnet uns im Werk Lakars immer wieder. In Günter Grass’ Roman steht dieser Plattfisch für Lebenserfahrung und Weisheit.  Auch Karen Lakar setzt ihn ein als Metapher für das Streben nach Erkenntnis, für den Drang, die Dinge zu ergründen - eine Metapher die durchaus nahe liegt, lebt der Butt doch eingegraben am Grund des Meeres.

 

Ein zentrales Motiv in Lakars Arbeiten ist der Torso. Rodin, der als Erster den Torso zur vollständigen Skulptur erhob, antwortete auf die Frage, weshalb bei seiner Skulptur der Kopf fehle mit der Gegenfrage, ob man denn zum Gehen einen Kopf brauche. Diese von Rodin angesprochene Konzentration auf das Wesentliche macht den Torso für Lakar zu einer bevorzugten Form. Durch die Reduktion schafft sie es, zum Innersten, zum Kern der Sache vorzudringen. Diese Herangehensweise rückt die Torso-Bilder in die Nähe ihrer bildhauerischen Arbeiten. Durch den Einsatz der Kettensäge legt sie bei ihren Holzskulpturen das Wesentliche frei.

Anstelle des Individuellen zeigen Lakars Torsi das Allgemeingültige, das Übergeordnete. „Die Seele formt den Körper“, sagt die Künstlerin und verweist damit auf das Zusammenspiel von innerer Haltung und äußerer Form. Ihre Torsi und Körperfragmente fungieren als Stellvertreter für allgemein menschliche

Befindlichkeiten und Eigenschaften. So stehen sie etwa für das Kraftvolle, für das Stille, für das Verträumte, das Stolze, oder das Insichgekehrte. Innenschau spielt bereits im Titel auf diese Wechselwirkung an. Die Arbeit zeigt ein menschliches Gebiss. Fest aufeinandergepresst bilden die Zähne geradezu eine Art Phalanx, die kein Durchkommen ermöglicht.  Und doch ist es eben dieser Schutzwall, der Rückschlüsse zulässt auf eine innere Verfasstheit.

Neben dem einzelnen Torso begegnen uns in Lakars Werken auch Konstellationen mehrerer fragmentierter Körper. Bereits während ihres Studiums der Bühnen- und Kostümkunst hat sich Lakar intensiv mit Gruppenanordnungen und den durch diese ausgelösten Dynamiken auseinandergesetzt. In ihrer Arbeit Abseits treten verschiedene Frauenkörper in Interaktion. Die Bildfläche wird unterteilt in eine rote und eine helle Fläche. Während eine der beiden Frauen vor hellem Hintergrund durch ihre Körperhaltung noch in Verbindung zu den anderen Frauen steht, scheint die titelgebende Frau isoliert.

In Kopflos stehen die drei bekleideten Torsi für den Verlauf des menschlichen Lebens und seine Veränderungen: Die erwachsene Frau, in der Bild- ebenso wie in der Lebensmitte wird flankiert von dem Mädchen, symbolisiert durch das rosafarbene Kleid, und dem schwarzen Leib der Greisin, der im Gegensatz zu den bewegten Frauentorsi nahezu statisch wirkt.

 

Nicht nur thematisch, auch stilistisch bewegt sich Lakar im Spannungsfeld verschiedener Pole: Gegenständliches besteht neben Figurativem, leuchtende Farbtöne neben zarten Pastellnuancen, expressive Pinselspuren kontrastieren mit filigranen Linien. Viele ihrer Arbeiten treffen den Betrachter in ihrer Farbintensität mit unglaublicher Wucht, so etwa Geheimbündler, Meeting of the Spirits, oder auch Ablösungen. In ihnen scheint sich pure Energie zu manifestieren.

Ganz anders muten dagegen die pastellfarbenen Arbeiten mit ihren zarten rosafarbenen und hellblauen Tönen an. Fast märchenhaft-sphärisch wirken Werke wie Lips oder Walpurgisnacht.

 

Es verwundert nicht, dass Karen Lakar in ihrer Kunst eine Vorliebe für die Farbe Blau erkennen lässt. Das Blau das gemeinhin assoziiert wird mit der Farbe des Himmels und des Wassers, mit dem Unendlichen, dem Unergründlichen, dem Spirituellen.

Es ist die Auseinandersetzung mit dem nicht Greifbaren, die Suche nach Erkenntnis, die Karen Lakar in ihrem künstlerischen Schaffensprozess antreibt. In diesem Prozess schöpft sie aus der Religion, der Mythologie, aus der Literatur, aber in erster Linie aus ihrem Inneren. Ihre Arbeiten bieten keine Antworten an, vielmehr werfen sie Fragen auf. Sie stellen neue Bezüge her und lassen die Welt aus einem anderen Blickwinkel sehen. /Simone Kimmel 11.2018